Es geht los

Der erste Beitrag. Da habe ich vor lauter Freude fast Pipi in der Hose – oder wie war der Spruch? Ich führe nicht das Leben eines erfolgreichen Influencers. Wobei ich früher immer dachte, dass man dann ins Bett gehört und viel trinken soll. Wahrscheinlich habe ich da etwas verwechselt. Ich bin ganz normal. Zumindest passieren doch viele Dinge, die meinen Alltag nie langweilig werden lassen. Auch wenn es jetzt so klingt, das ist nicht immer schön.

Echt ey. Es gibt so viele Situationen, bei denen das Unterputzkabel an meinem Hals hervortritt. Meine Freundin sagt immer, ich muss etwas gelassener werden und nicht immer gleich abgehen wie ein Marschflugkörper. Tolle Wurst, leichter gesagt – als getan.

Mein Nachbar Herbert Meyer

Jeder soll auch aus schlimmen Dingen das Beste machen. Zum Beispiel etwas Spaß haben. Herbert, mein muskelbepackter Nachbar aus unserem 6 Parteien-Mietshaus zu Beispiel, macht das konsequent. Gefühlt ist Herbert 3m groß, wiegt 200 Kilo, wovon 90 % reine Muskelmasse sind. Dazu kommen noch Glatze und Tattoos am halben Körper. Das entspricht wahrscheinlich der Fläche eines halben Fußballstadions. Kurzum, er sieht aus, als ob er jemandem, der ihm beim Lidl in die Hacken fährt, einfach lächelnd die Arme ausreist, diese in die Obstauslage wirft und dem völlig überrumpelten Opfer sagt: „So, dann viel Spaß beim Weiterschieben und die Ware auf das Band legen. Das nächste Mal sind die Beine ab.“

Ich hatte mit ihm damals gemeinsam den letzten Teil von Herr der Ringe im Kino geschaut. Er kam als Uruk-Hai verkleidet und ich habe mich fast eingenässt, als ich ihn in seiner Kluft sah und er mir seine enorm große Hand zur Begrüßung auf die Schulter legte. Allein davon bin ich leicht in die Knie gegangen. Er hatte sich richtig Mühe gegeben, mit weißer Hand im Gesicht und so. Erst nachdem er grinste und seine kleine Lücke zwischen den oberen Vorderzähnen zum Vorschein kam, konnte ich ihn erkennen.

Kennt ihr die Quatschköppe im Kino, die allen anderen auf den Senkel gehen und das Erlebnis vermiesen? Ja?! Mit Herbert ist das schnell geregelt. Nachdem wir unser eigenes Wort und erst recht den Film wegen der pubertierenden Truppe in der Reihe hinter uns nicht mehr verstehen konnten, stand er langsam auf, dreht sich um und fragte, ohne eine Miene zu verziehen „Soll ich eure Köpfe vom Rumpf trennen? Dann macht weiter so!“. Obwohl der Rest des Saals von der Aktion sichtlich begeistert war und endlich Ruhe herrschte, traute sich niemand zu klatschen. Vom Hobbit bis zum weißen Zauberer – Herbert sah einfach zu bedrohlich aus. Er zwinkerte mir zu, als er sich hinsetzte und es war noch ein toller Abend.

Aber Herbert ist ein ganz Lieber und auch ich habe ihn zu Beginn völlig falsch eingeschätzt. Kein Wunder – bei jemandem, der durch sein Volumen einen Schatten wie Godzilla wirft. Trotzdem würde ich ihm nicht mal aus Spaß sagen, dass er sicherlich wie ein kleines Mädchen zuschlägt. Ich möchte mein Rentenalter noch in einem Stück erreichen.

Er mag einen guten Tee und ja, der kleine Finger wird abgespreizt, wenn er genussvoll aus der zarten Porzellan-Sammeltasse trinkt. Es ist jedes Mal ein skurriler Anblick, da in seinen riesigen Pranken selbst ein großer Schnellkochtopf wie ein Teil aus der Kinderspielküche wirkt. Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass er als Florist arbeitet?! Pflanzen sind irgendwie sein Ding. Jetzt nicht unbedingt auf dem Teller, aber er kann ohne zusätzliche Hilfsmittel einen größeren Baum umsetzen.

Wie sollte es anders sein, sein brutal animalisches Erscheinungsbild wird noch von einem Pitbull, mit dem Namen Flöckchen, abgerundet. Wie sein Herrchen, ist Flöckchen eine zarte und sensible Seele im Körper einer Kampfmaschine. Bei unserem ersten Aufeinandertreffen hatten mich die Worte von Herbert „Der will nur spielen!“ noch nicht ganz überzeugt, als Flöckchen im 6. Gang auf mich zuraste.

Sei wie Herbert

Jetzt stelle man sich unser Weltenvernichter-Duo zusammen in einem Park vor! Voller Vorfreude geht es zur Hundewiese. So ein energiegeladener Pitbull muss ab und zu auch etwas ausgepowert werden. Leider gibt es nur sehr wenig ausgewiesene Hundeplätze.

Immer häufiger kommt es vor, dass diese Grünflächen von spießigen Vorstadtsippen besetzt sind, deren Kinder mindestens mit zwei Vornamen gerufen werden und aussehen, als ob sie frisch lackiert sind. So war es auch an einem schönen Sommertag. Dieser Abklatsch einer perfekte Werbefamilie, hatte es sich auf einer solchen Wiese gemütlich gemacht. Die Eltern turtelten sich an und sahen amüsiert den Kindern zu. Igitt. Neben einer kitschigen Picknickdecke stand ein Mini-Kugelgrill, auf dem keine Steaks oder Würstchen lagen, sondern ausschließlich Gemüse. Es wirkte wie eine Szene, bei der gleich ein Versicherungsfuzzi aus dem Gebüsch hechtet und uns allen erzählt, dass sich die vier Vorzeigepuppen keine Sorgen machen müssen, da sie ja das Rundumsorglos-Paket abgeschlossen haben. Das gehe ganz schnell. Einfach mit Blut unterschreiben, die Seele verkaufen und den Erstgeborenen versprechen. Kein Problem!

Jedenfalls war Herbert not amused. Ich hätte mich an seiner Stelle wieder tierisch aufgeregt und wäre wahrscheinlich grün geworden, in der Hoffnung mich in den Hulk zu verwandeln. Bei meinem Glück wäre es lediglich Kermit geworden. Ein außenstehender Betrachter hätte vermutet, dass Herbert beginnt loszurennen und zwar in einem Tempo, dass Arme und Beine eine rotierende Scheibe bilden, und er wie ein Tornado eine 4 Meter breite Schneise der Verwüstung hinterlässt.

Nichts dergleichen geschah. Er sammelte sich, atmete schon fast meditativ ein und aus und warf dann das Lieblingsspielzeug von Flöckchen in Richtung des Gute-Laune-Quartetts. Dies aktiviert in dem Pitbull alle Muskeln und lies ihn wie eine Langstreckenrakete losrasen. Der gelb-schwarze Quitschball flog aus 200m Entfernung genau in die Richtung der Rama-Familie, begleitet mit den Worten „Gib Gas Dicker! Wir sind versichert!“. Die Panik in den Augen und das fluchtartige Verlassen der Grünfläche… das Leben hat auch seine schönen Momente! Ich muss öfters wie Herbert sein.

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