Das letzte Bier war wohl schlecht

Es gibt schönere Arten geweckt zu werden, anstatt mit dem Stoß eines Krückstockes in die Schulter und das gleich mehrmals hintereinander. Zunächst gelingt es mir nur das rechte Augenlid zu heben. Ich blicke direkt auf das das Profil eines schmalen Reifens. Vor Schreck bekomme ich auch das zweite Auge auf und erkenne drei weitere Räder. Oh, ein Rollator! Ein Rollator?

Die braunen orthopädischen Schuhe kommen mir irgendwie bekannt vor, auch wenn ich sie noch nie aus dieser Perspektive gesehen habe. Warum zum Geier liege ich eigentlich auf dem Boden? Wieder werde ich mehrmals unsanft in die Schulter gestoßen und langsam tut es weh. „Hey, ich bin wach. Aua! Hey!“. Endlich hört die Person auf. Für meine Augen ist es noch viel zu hell und ich kann nur eine Silhouette erkennen. Eine Silhouette mit Hut. Sie beginnt zu sprechen und klingt wie meine schwerhörige Nachbarin – Frau Hansen. Na klar, die Schuhe passen zu ihr.

„Hören Sie junger Mann! Sie können hier nicht liegen bleiben! Das gehört sich nicht, was sollen denn die anderen Leute denken… Herr Winzig?! Was ist denn mit Ihnen passiert und warum sind sie voller Federn?!“

„Öh… was? Federn?! Ich?!“

„Ja, Sie sehen aus wie ein drogenabhängiger Papagei in der Mauser!“

„Jetzt machen Sie aber mal halbla…“

„Und passen Sie auf, dass Sie die nicht im gesamten Treppenhaus verteilen. Erst gestern hatte Frau Bachmann frisch gewischt.“

Ich möchte noch etwas antworten, aber so langsam schmerzen immer mehr Stellen meines Körpers. Kein Wunder. Ich hatte in einer äußerst unbequemen Position auf dem Gehweg vor unserer Haustür geschlafen. Da dieser nicht aus Gras, sondern aus Betonplatten mit Kieselsteinen besteht, haben diese wahrscheinlich ein super Muster in meine Haut hinterlassen. Mehr als ein qualvolles „Aaaahhh.“, bringe ich beim ersten Versuch aufzustehen nicht hervor.

Frau Hansen macht mit ihrem Rollator einen Bogen um mich, drehte sich noch einmal um und sagt dann:

„Übrigens. Ich hoffe Sie erschrecken mich nicht noch einmal wie heute Nacht und beseitigen Sie Ihre Sauerei unter dem Goldglöckchen-Strauch hinter dem Haus! “

Es dauerte ein paar Sekunden, bis ein Stück meiner Erinnerung zurückkehrt und mir klar wird, was sie meint. In dem Moment müssen mir wohl alle Gesichtszüge entglitten sein und ich sage in einem völlig fassungslosen Tonfall: „Shit!!!“

„Ganz genau!“ – antwortet Frau Hansen.

Rückblende – Fünfzehn Stunden zuvor

Es war Samstagnachmittag und ich war mit ein paar meiner Kollegen beim Bowling. Ich muss zugeben, dass ich nicht der schlechteste Spieler bin und mich bei jedem Strike schon ein wenig selbst feiere. Dabei wische ich mir mit dem Daumen immer an der Nase wie Bruce Lee vor einem Kampf und sage selbstbewusst „Und jetzt wieder ihr – Ladies!“. Es war das letzte Wochenende im Monat und das bedeutet, das Bier war in dem Schuppen besonders günstig. Da ich einen richtig guten Lauf hatte, musste ich meinen Erfolg mit ein paar Flaschen mehr als sonst feiern.

Die bisherige Woche war einfach nur stressig und ich musste mal abschalten. Auf jeden Fall war ich schon richtig gut drauf und eigentlich wäre es klüger gewesen, sich langsam auf den Heimweg zu machen, denn die Sprüche wurden immer sexistischer und irgendwann twerkte ich auf der Bahn 4 herum und zog schon die Blicke auf mich. Nachdem ich mit meinem „Ich bin der Gewinner und ihr seid die Loser!“ – Gebrabbel meinen Kollegen gehörig auf die Ketten ging, hatten sie jetzt ihren Spaß.

Da ich etwas trinken wollte, war ich auf einen Fahrer angewiesen. Er heißt Sebastian und er war seit ca. einem halben Jahr in unserer Firma und für das UX Design verantwortlich. An sich eine ganz coole Socke, aber der Drecksack überredete mich doch noch mit zu Jens zu fahren, um dort den Männerabend gebührend „ausklingen“ zu lassen. Immerhin war ich der Champ des Abends, der Obermacker, der Held von Bahn 4 und gefühlt unbesiegbar.


Es stellte sich heraus, dass Jens in seinem Partykeller eine ordentliche Sammlung diverser Spirituosen hatte. Ich war echt neidisch! Ein eigener Partykeller. Wie genial ist das denn?! Das Internetradio war fast auf Anschlag, die Gläser wurden nachgefüllt und irgendwann begannen die Trinkspiele. Mittlerweile waren auch ein paar bekannte Mädels von Sebastian dazugestoßen. An der Stelle muss ich sagen, dass ich in der Hinsicht keinen Unsinn mache. Egal wie abgefüllt ich bin, ich mache nichts mit anderen Frauen, aufgrund dessen meine Freundin das Recht hätte mich öffentlich zu kastrieren. Aber ich kann einen auf supercool machen und lustig sein. Erwähnte ich schon, dass ich das Bowlingspiel überlegen gerockt hatte?!

Es muss schon nach 23 Uhr gewesen sein, denn mein Zeitgefühl wurde mit jedem Schluck immer schlechter, als mich das Glück verließ und ich das rohe Ei nicht mehr in meinem Nacken halten konnte. Das Spiel hatte ich verloren und zur Strafe bekam ich eine Dusche mit Eierlikör. Ich hatte gefühlt bereits 3,8 auf dem Kessel und anstatt mich über die Sauerei zu ärgern, grölte ich mit und wollte ein weiteres Spiel. Immerhin musste ich doch meine Glückssträhne wiederfinden. Dieses Mal sollte ich meinen Spaß haben, wenn der oder die Nächste eine spontane Strafe über sich ergehen lassen musste. Naja, long story short – ich hatte die nächste Herausforderung wieder vergeigt.

Da sich wegen des hohen Alkoholpegels in meinem Blut schon ein stärkerer Seegang einstellte, hätte ich die Finger von Wettbewerben lassen sollen, in denen selbst im nüchternen Zustand ein Höchstmaß an Gleichgewichtssinn erforderlich gewesen wäre. Zu spät. Irgendwie fanden es alle sehr lustig, mir die Federn eines aufgeplatzten Kopfkissens über den Kopf zu kippen. Nachdem ich die Augen befreit hatte, musste ich einfach mitlachen. Zu allem Überfluss hatte ich vergessen Melanie Bescheid zu geben, dass es wohl etwas später werden könnte. Aber egal, der Akku von meinem Handy war sowieso leer. Selbst wenn ich ihre Handynummer noch zusammenbekommen hätte – einen geraden Satz herauszubringen, war nicht mehr möglich. Eines stand definitiv fest, Stress würde ich jetzt auf jeden Fall bekommen. Weshalb also schlimmer machen?

Ich muss wohl auf der Couch eingeschlafen sein, denn ich wurde erst wieder wach, als mich Sebastian im Auto aufweckte.

„Hey, Bernd! Wir sind bei dir vor der Tür!“

„Aaaaalles klar! Danke für die Fahrt. Bester Mann wo gibt!“

„Hast du deinen Schlüssel und schaffst du es allein hoch?“

„Naaaa Logen Hulk Hogan!“ – ich rasselte mit einem kleinen Schlüsselbund 3 cm vor seiner Nase herum.

„Alles klar. Bis Montag Champ!“

„Jauuuuu. Hau rein!“

Er fuhr los. Ich torkelte in Richtung Haustür und versuchte den richtigen Schlüssel zu finden. Keine Ahnung wie lange ich es an dem Schloss probierte, aber irgendwann wurde mir selbst im besoffenen Zustand klar, dass ich den falschen Schlüsselbund gegriffen hatte. Damit kam ich in die Firma, aber nicht in das Haus oder in unsere Wohnung. Ich brachte nur ein „Oooch nööö!“ heraus und wusste, dass klingeln keine gute Idee war. Meine Smart Watch zeigte in großen digitalen Ziffern „1:47 So“ an. Meine Freundin war sicherlich schon vor Stunden ins Bett gegangen und explosiv wie Nitroglycerin. Sie jetzt zu wecken wäre genauso clever, wie die Büchse der Pandora zu öffnen. Lass mal lieber nicht machen.

Zum Glück war es ein angenehmer Sommerabend und zur Not musste ich eben draußen schlafen. Was roch hier eigentlich so nach Fusel?! Der Magen gluckerte. Die Currywurst mit Pommes aus dem Bowlingcenter, der Cheeseburger vom kleinen Stop auf dem Weg zu Jens und die Chips aus dem Partykeller ergaben mit den gefühlten 30 Litern Bier im Bauch eine gefährliche Mischung. Es half nichts, es musste raus. Ob ich wollte oder nicht. Vor unserem Haus? Auf keinen Fall. Es fuhren immer wieder Autos vorbei und da wir dicht an einer Kreuzung wohnen, beleuchten die Scheinwerfer beim Abbiegen die gesamte Fassade.

Also torkelte ich hinter das Haus. Mit jedem Schritt gluckerte es mehr und mehr. Der Countdown lief bereits und ich wusste leider nicht wie lange schon, beziehungsweise wie viel noch übrig blieb. Diese Aktion fand mit oder ohne mein Bewusstsein statt, soviel war klar. Der Schweiß stand mir auf der Stirn. Innerhalb von 10 Metern musste ich eine Stelle finden, ansonsten wäre alles zu spät.

Etwas exponiert stand ein Goldglöckchen-Strauch. Ringsherum nur frisch gemähter Rasen. Mit letzter Kraft schaffte ich es unter den Strauch und konnte mich erleichtern. Das verlief leider auch nicht ganz geräuschlos.

Dann fiel mir ein rotes Glimmen in ein paar Metern Entfernung auf. Als mir klar wurde, dass der Strauch direkt hinter der Wohnung meiner Nachbarin Frau Hansen steht und sie zum Rauchen immer auf den Balkon geht, da war es schon zu spät. Ich fragte mich gerade, warum sie mitten in der Nacht noch wach ist – da wurde ich von einem hellen Licht geblendet, gefolgt von einem kurzen Schrei. Zum Glück wurden keine anderen Nachbarn geweckt, denn die übrigens Fenster blieben dunkel.

Ganz ehrlich ich kann es ihr nicht verdenken. Wie muss das wohl aussehen haben? Da hockt in einem gelben Busch ein gefedertes Etwas mit heruntergelassener Hose und starrt sie erstaunt mit riesigen Augen an. Aus lauter Verzweiflung sage ich „Hallo Frau Hansen. Noch recht mild heute Nacht was?! Ich bin es, Herr Winzig.“

Sie blickt mich noch einige Sekunden wortlos an und der Lichtkegel dreht sich in Richtung ihres Wohnzimmers. Es wird wieder dunkel. Ich bete, dass sie später denkt, sie hätte diese unheimliche Begegnung der Dritten Art nur geträumt.

Zum Glück habe ich noch eine volle Packung Taschentücher dabei. Ein Rest Würde ist mir also noch geblieben. Nachdem ich meine Hose wieder angezogen habe, bewege ich mich in Schlangenlinien in Richtung Vorderseite. Die Beine werden immer weicher und versagen schließlich ihren Dienst. Ich muss mich hinlegen. Die Augen fallen zu.

Gegenwart

„Bernd Winzig!“ brüllt jemand aus dem 3. Stock. „Wo bist du die ganze Nacht gewesen und warum siehst du aus wie Tweetie auf Crystal Meth?! Schieb deinen Hintern nach oben. Argh!“ – gefolgt von dem Krach eines zugeschmetterten Küchenfensters. Ach ja, das wird wohl nicht der angenehmste Sonntagmorgen. Ich denke Melanie ist ein kleines Büschchen verstimmt.

Ich schaue ein wenig nach links und sehe Herbert hinter einem Fenster seiner Wohnung. Er trinkt gerade ein Schluck, sieht mich dann zufällig direkt an und spuckt das Wasser direkt gegen die Scheibe. Offensichtlich findet er meinen Anblick wohl saukomisch. Da sein Fenster angekippt ist, kann die gesamte Nachbarschaft sein schallendes Gelächter hören. Dann folgt kurz Ruhe. Er schaut mich wieder an und obwohl ich es aufgrund der Entfernung nicht genau erkennen konnte, bin ich mir ziemlich sicher, in seinen Augen Tränen zu sehen. Er beißt sich auf die Unterlippe, die Wangen blähen sich wieder auf und er prustet erneut los. Wenigstens einer hat heute seinen Spaß, denn ich werde es definitiv nicht sein!

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